Hieronymus, Graf von Colloredo

14.03.1772 -- 11.02.1803

 

Hieronymus Joseph Franz de Paula wurde am 31. Mai 1732 als fünftes von achtzehn Kindern in Wien geboren. Seine Eltern waren Rudolf Joseph, Graf Colloredo von Waldsee und Mels und Maria Franziska Gabriela, Gräfin von Starhemberg. Der Vater wirkte seit 1727 als kaiserlicher wirklicher Kämmerer, wurde 1728 zum wirklichen Hofrat ernannt, war von 1731 bis 1734 kurböhmischer Komitialgesandter auf dem Reichstag zu Regensburg, in der Zeit von 1734 bis 1736 schließlich kaiserli­cher Minister und ab 1737 Reichs-Konferenzminister und Reichs-Hofvizekanz­ler. Die Familie wurde 1763 in den Reichsfürstenstand erhoben.

Hieronymus soll bereits in der frühen Kindheit sehr streng und religiös erzogen worden sein. Wie beim Adel damals üblich, hatte er zum Erlernen der französischen Sprache einen Hauslehrer. Der ursprüngliche Plan der Eltern sah für ihn eine militärische Karriere vor. Wohl wegen seiner Kränklichkeit nahmen die Eltern aber bald von ihrem Vorha­ben Abstand und bestimmten ihren Sohn nunmehr für eine geistliche Laufbahn. Seine Gymnasialstudien am Theresianum und das nachfolgende Studium der Philosophie an der Universität in Wien absolvierte Hieronymus mit gutem Er­folg. Gewiss dem großen Einfluss des Vaters und der Familie hatte er es zu ver­danken, dass er schon bald mit ertragreichen Pfründen bedacht wurde. Es wird berichtet, dass er, kaum 14 Jahre alt, „vom Kaiser Franz kraft des Rechtes der ersten Bitte den Hochstiften Passau und Olmütz als Domherr präsentiert" wurde. Als der Salzburger Domherr und Bischof von Brixen, Kaspar Ignaz Graf von Königl, starb, bekam Colloredo von Papst Benedikt XIV. das freigewordene Kanonikat (noch ohne Stimmrecht und ohne direkte Residenzpflicht) im Jahre 1747 verliehen. In der Folge begann er das Studium der Theologie am Collegi­um Germanicum in Rom. Dieses schloss er mit dem Doktorat ab, was damals für einen adeligen Domherren eher unüblich war und als Seltenheit zu bezeichnen ist. An weiteren Pfründen erhielt er die Pfarre Staaz in Niederösterreich, die Propstei Kremsier und die Propstei St. Moritz in Augsburg. Am 13. September 1756 wurde Colloredo schließlich in Salzburg vollwerti­ger Kapitular mit Sitz und Stimmrecht. Mit 8. August 1758 scheint er im Pas­sauer Schematismus als Domherr auf. Damit aber nicht genug. Im Jahre 1759 wurde er vom Papst, abermals auf Vorschlag des Kaisers, zum Auditor rotae romanae für die Deutsche Nation ernannt. Der damit bedingte mehrjährige Auf­enthalt in Rom sollte für ihn prägend werden. Zeit seines Lebens stand er dem Jansenismus nahe. Als der Gurker Fürstbischof Joseph Graf von Thun 1761 zum Bischof von Passau gewählt wurde, tat sich für Colloredo eine neue Pfründe auf. Maria Theresia verlieh das vakant gewordene Bistum am 19. Dezember 1761 an ihn. Am 14. April 1762 wurde er in Salzburg von Fürsterzbischof Schrattenbach zum Bischof von Gurk geweiht. Die Einkünfte dieses Bistums vermehrte Hieronymus durch strenge Wirtschaftlichkeit, geringen Einsatz von Beamten und durch Verbesserungen der dortigen Eisen- und Hammerwerke um mehr als die Hälfte. Er nutzte also die einsetzende Industrialisierung und führte einen schwungvollen Handel mit Triest und Venedig. Während dieser Zeit gab er sich gast­freundlich, gesellig und genoss zudem die Jagd. Jeden zweiten Winter soll er in Salzburg verbracht haben, wo er Konzerte und Bälle gab. Im Jahre 1771 schuf er sich vor dem Mirabelltor einen kleinen Landsitz. In seiner zehnjährigen Amtszeit als Bischof von Gurk ersparte er sich bereits rund 100.000 Gulden, wel­che er vorwiegend beim Wiener Stadtbanco veranlagte. Während der Salzburger Sedisvakanz des Jahres 1772 war er also kein Unbekannter mehr. So wurde er in einem bayrischen Konfidentenbericht wie folgt charakterisiert:

"Der Fürstbischof von Gurk, Herr Graf von Colloredo, im 40. Jahr,- ein feiner einsichtig und höflicher, aber etwas feuriger Herr, welchem kein Geld seine Finger verbrennt. "

Er war von mittlerer Statur, blatternarbig und mager, hatte eher starke Hände, eine erhabene Stirn und ein scharfes Auge. Meistens trug er eine blon­de Perücke. Sein Gesicht mutete blass an. Von den grauen Augen war das linke selten ganz geöffnet. Der Arbeitsablauf Colloredos war geprägt von Stetigkeit und Energie. Geschäfte blieben bei ihm nie liegen, die meistens eigenhändigen Entschließungen belegen einen richtigen und schnellen Geschäftsblick. Dem Fürsten wurden eine hohe Intelligenz, eine schnelle Beurteilungskraft, eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und eine weltmännische, geschickte Verhand­lungstechnik nachgesagt. Dieser geistigen Stärke sollen aber mangelnde Güte und Freundlichkeit gegenübergestanden sein. Sein besonderes Geschick lag in der Bewältigung von Geld- und Finanzsachen. Dagegen soll es sein Charakter kaum zugelassen haben, Lob zu spenden. Im Widerspruch dazu gab er sich ge­sellig und gastfrei. Selbst führte er ein schlichtes und einfaches Leben, wegen seiner Neigung zur Kränklichkeit unter strenger Diät. Er achtete stets auf einen untadeligen Ruf priesterlicher Keuschheit. Hervorzuheben ist seine übermäßige Sparsamkeit, die von manchen bereits als Geiz bezeichnet wurde. Colloredo beherrschte neben Deutsch auch Französisch, Italienisch und natürlich Latein. Sogar etwas Tschechisch verstand er. Er spielte gerne Karten, Schach und liebte die Jagd. Auch bestand eine Vorliebe für Bälle, Theater, Gastmähler und Schlittenfahrten. Selbst ein guter Violinspieler, liebte er auch die Musik.

Nach dem Ableben von Erzbischof Graf Schrattenbach war 1771 das Erz­stift Salzburg vakant geworden. Die besten Chancen auf die Nachfolge schien Domdekan Ferdinand Christoph Graf von Zeil-Waldburg zu haben. Durch seine Freude am Regieren und seinen Arbeitseifer hatte er sich eine genaue Kenntnis der in- und auswärtigen Angelegenheiten des Erzstiftes angeeignet und durch seine Liebenswürdigkeit auch die Gunst der Beamten und des Volkes erworben. Die Nachfolge schien so unzweifelhaft, dass bereits vor dem Wahlgang Bilder des Grafen Zeil im erzbischöflichen Ornat angefertigt wurden. Doch es sollte anders kommen. Aufgrund der geschickten Verhandlungsdiplomatie des Grafen Hartig ging am 14. März 1772 Graf Colloredo als österreichi­scher Favorit aus der Erzbischofswahl hervor. Erstmals waren 23 Wähler vorhanden, was den Wahlvorgang erheblich erschwerte. Zum ersten Mal schaltete sich auch der Wiener Hof, der bisher bei den Wahlen immer neutral geblieben war, massiv ein. Der kaiserliche Kommissar Graf Hartig war mit einem Handbillet für jeden der Domherren ausgestattet worden, in welchem die Wahl Colloredos nahegelegt wurde. Auch der Papst war vom Wiener Hof gewonnen worden. Graf Zeil wurde vor allem wegen seiner engen Beziehungen zum bayrischen Hof von Österreich als unannehmbar er­klärt. Es mussten fünf Wahltage mit dreizehn Abstimmungen abgehalten wer­den, ehe die erforderliche Majorität zustande kam. Die Salzburger nahmen die Wahl Colloredos mit Bestürzung auf. Sie sahen in ihm keine Persönlichkeit, die in der guten alten Weise fortfahren würde. Die damals konservative Bevölkerung war nämlich für Veränderungen noch nicht aufgeschlossen genug und hing der barocken Lebensweise nach. Es waren dies Umstände, die Colloredos Beziehungen zu seinem Volk lange Zeit beeinträchtigen sollten. Dem Landesfürsten wurde nachgesagt, dass er sein Volk deswegen verachtete und sich ihm verschlossen hatte. Erst mit der Zeit schien sich dann diese Antipathie zu legen. Am 10. April 1772 traf das päpstliche Placet in Salzburg ein. Die Wahl wurde vom Papst Clemens XIV. am 22. Juni 1772 bestätigt. In Rücksicht der Würde eines Mitgliedes der Rota zu Rom wurde die Taxe mit ungewöhnlich niedrigen 7.000 Scudi festgelegt. Am 29. April 1772 hielt Erzbischof Colloredo, nun mehr am Gipfel seiner Laufbahn, von Schloss Freisaal aus feierlichen Einzug. Der Jubel des Volkes freilich blieb aus. Die Bilder mit Graf Zeil als Fürsterz­bischof wurden nun mit dem Kopf Colloredos übermalt. Die kaiserliche Belehnung erfolgte erst am 14. März 1775 in Wien.

 

 

Colloredo gilt als der führende Vertreter der Aufklärung im süddeutschen Raum. Mit ihm kam ein frischer Wind nach Salzburg. Seine Absicht war die Schaffung eines geistlichen Musterlandes im Reich. Dieses Ziel sollte durch umfassende Reformen im Bereich der Kirchen- und Kulturpolitik, aber auch der Schul- und Sozialpolitik erreicht werden. Zudem sollten im Erzstift gewis­se Züge eines Polizeistaates entstehen. Der Fürst trat seine Regierung in einer sehr schwierigen Situation an, deren Hauptursache in der großen Hungersnot der Jahre 1771/1772 gelegen war. Zudem waren ihm von seinem Vorgänger hohe Schulden hinterlassen worden. Aufgrund seiner Sparsamkeit und des Geschickes in Finanzsachen konnte Colloredo dem schon bald abhelfen. Dies gelang aber nur durch kräftige Steuererhöhungen und sonstigen Belastungen des Volkes, was zu einer allgemeinen Verarmung der Untertanen führen sollte. Daraus entstand ein Witz auf Colloredo : "Wahr ist, daß wir einen Hirten haben, aber ei­n, der uns schert, nicht der uns weidet".  Hieronymus ist der Nachwelt wegen seiner als Erzbischof offen zur Schau getragenen aufklärerischen Haltung bekannt. Besonders werden auch seine liberale Pressezensur und die Meinungsfreiheit hervorgehoben. Durch diesen fortschrittlichen Geist in Salzburg versammelten sich führende Wissenschaftler und Literaten aus dem gesamten deutschen Sprachraum im Erzstift. Das einfache Volk stand dieser Entwicklung allerdings ohne ausreichendes Verständnis gegenüber. Die von Colloredo rigoros vertretene Meinung, dass ein vorausblickender Landesfürst das Leben der Untertanen durch Gesetze bis in das kleinste Detail regeln sollte, stieß auf wachsenden Wider­stand. Zu den ersten Amtshandlungen des Fürsten gehörte die Ernennung des Domdechanten Graf Zeil zum Bischof von Chiemsee und des Fürstbischofs von Lavant, Graf Auersperg, zum Bischof von Gurk. Vordergründiges Regierungsziel war zunächst die Beseitigung der angespannten finanziellen Lage im Erz­stift. Es gelang ihm durch die Steuererhöhungen und sonstigen Belastungen bald, die hohen Schulden Erzbischof Schrattenbachs zu tilgen. Allein an Getränkeakzise nahm Colloredo 1,360.000 Gulden ein. Hieronymus versuchte das gesamte Kapital möglichst zinsbringend anzulegen, wobei vorwiegend beim Wiener Stadtbanco veranlagt wurde. Damit aber gelangten hohe Summen in das Ausl­and und gingen letztlich durch den Konkurs der Wiener Bank verloren. Außenpolitisch ergaben sich mit Bayern zunehmende Spannungen. Das an sich gute Verhältnis zu Kaiser Joseph II. wurde durch dessen Bestrebungen be­einträchtigt, Salzburg an Österreich anzugliedern. Colloredo hatte nach allen Seiten gegen die Gefahr der Säkularisation zu kämpfen. Die Leistungen des Erzbischofs  auf weltlichem Gebiet lagen in seiner Finanz- und Wirtschaftspolitik. Um die Staatseinnahmen zu vermehren, ging er von der Vermögenssteuer zur Einführung der Grundsteuer nach einem bestimmten Peräquationsfuß über, der neben Grund und Boden auch den Vieh­stand und das Gewerbe zur Grundlage hatte. Durch Senkung des Zinssatzes führte er Krediterleichterungen ein. In den Bereich der Justiz griff er faktisch nie ein. Im Bauwesen war der einzige bedeutende Großbau die land­wirtschaftliche Getreideschranne. Großes Augenmerk legte er auf das Schul­wesen und die Bildung der Geistlichen. Schon 1773 reduzierte er die zahlreichen Feiertage und erließ viele kirchliche Verordnungen. Verboten wurden unter anderem die Bäume vor den Häusern bei den  Fronleichnamsprozessionen, die Sonnwendfeuer, das Brunnenspringen bei den Metzgern, das Wetterläuten, die Böller bei den Prozessionen, die Osterritte, um nur einige Beispiele zu nennen. Sogar die Kronen vom Gnadenbild in Maria Plain sollten abgenommen werden. Auch hierauf entstand ein Vers : "Unser Fürst Colloredo Hat weder Gloria noch Credo“.  Sogar in die Volksbräuche griff er durch das Ver­bot des Tragens von Gamsbärten und Schildhahnfedern, etc. ein. Bei den Pro­zessionen durften keine Statuen und Bilder mehr mitgetragen werden. Das Armutsproblem mit einem vermehrten Auftreten von Bettlern, Land­streichern und Arbeitslosen vermochte er nicht zufriedenstellend zu lösen. Eine abrupte Wende erfuhr die zunächst eher ruhig verlaufene Regie­rungszeit mit dem Beginn der Kriege gegen Frankreich. Im Frühjahr 1793 stellte ­auch Salzburg ein Kreiskontingent für diesen Krieg. Die Niederlagen der österreichischen Truppen führten zunehmend auch zu einer Bedrohung Salzburgs. Im August 1796 ließ Colloredo 25 Behälter für aufzunehmendes Flucht­geld anfertigen, wobei er 300.000 Gulden mitzunehmen gedachte. Nach laut­starken Protesten und Drohungen der Bürger beließ der Erzbischof diese Summe dann doch im Lande. Als er vom französischen General Moreau keine Neutralitätszusage für das Erzstift erreichen konnte, entschloss er sich endgültig zur Flucht. Am 10. Dezember 1800 verließ er Salzburg in Richtung Steier­mark. Von dort ging die Flucht weiter nach Wien und Brünn. Die Stadt Salz­burg wurde zunächst von österreichischen Truppen unter Erzherzog Johann und dann ab 15. Dezember 1800 von französischen Truppen besetzt. Rund 12.000 Mann Besatzung waren im Lande. Die von Colloredo eingesetzte Statthalterei-Regierung unter Graf Zeil­Trauchburg wurde mit enormen Kriegskontributionen in Höhe von 2,750.000 Gulden konfrontiert. Dieser Summe entsprachen 6 Millionen Livres. Es gelang, diese Forderung auf 4,2 Millionen Livres zu reduzieren und zu zahlen. Daneben gingen dem Erzstift zahlreiche Kunstwerke verloren. Der Friede von Luneville vom 9. Februar 1801 befreite auch Salzburg von der Besatzung. Im Juni des Jahres 1802 stand fest, dass das Erzbistum Salzburg zu bestehen aufhören und gemeinsam mit Passau, Berchtesgaden und Eichstätt als Entschädigung dem Großherzog Ferdinand III. von Toskana zufallen werde. Colloredo konnte für sich eine Jahrespension von 80.000 Gulden aushandeln. Am 11. Februar 1803 unterfertigte er eine Abdankungsurkunde als weltlicher Landesherr, behielt aber weiterhin seine geistliche Würde und Gewalt. Seit dem Jahre 1806 war der Gesundheitszustand Colloredos zusehends beeinträchtigt. Er litt an häufigen apoplektischen Ohnmachten. Am 5. September 1806 entschied der Kaiser, dass Salzburg ein Suffraganbistum von Wien werden sollte, doch konnte Colloredo diese Gefahr nochmals abwenden. Am 18. März 1809 übergab er schließlich die bis dahin von Wien aus geleitete Diözese dem Bischof von Chiemsee, Graf von Zeil. Hieronymus Graf Colloredo verstarb am 20. Mai 1812 in Wien im Alter von 80 Jahren. Sein Leichnam wurde seziert, einbalsamiert und im Dom zu St. Stephan beigesetzt. Colloredo hinterließ ein Vermögen von etwa 2 Millionen Gulden. Darunter befanden sich 114.000 Gulden in Silber und 295.000 Gulden in Gold. Zum Universalerben setzte er seinen Neffen Fürst Rudolf von Colloredo-Mansfeld ein. Dem Wiener Krankenhaus gab er ein Legat von 50.000 Gulden. Das Erzstift hingegen erhielt außer seinen Ornaten und seiner Kirchenwäsche nichts.

 

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