Siegmund Christoph, Graf von Schrattenbach

05.04.1753 -- 16.12.1771

 

Siegmund Christoph, einem Adelsgeschlecht entstammend, das zur Mitte des 15. Jahrhunderts aus Franken in die Steiermark eingewandert war, wurde am 28.2.1698 in Graz geboren. Seine Eltern waren Otto Heinrich, Graf von Schrattenbach, und Maria Theresia, Gräfin von Wildenstein, verwitwete Freiin Gall von Gallenstein. Siegmund Christoph war der Erstgeborene von insgesamt zwölf Kindern. Bereits im Jahre 1706 gaben ihn die Eltern als Zögling in die Akademie nach Maria Rast bei Marburg. 1711 versah er schon Dienst als erzbischöflicher Page in Salzburg. Am 12.12.1711 wurde er als Rudimist (Primaner) an der Salzburger Universität eingeschrieben. Bereits während dieser Salzburger Studienzeit dürfte in ihm der Plan gereift sein, in den geistlichen Stand zu treten und das Erstge­burtsrecht seinem jüngsten Bruder Franz Anton Xaver abzutreten. Nach den Studien in Salzburg ging Schrattenbach nach Rom zum Studium der Theologie. Dort dürfte er eine besondere Verehrung und Zuneigung für den päpstlichen Hof und die Kurie entwickelt haben. Im Jahre 1716 erhielt er die Kanonikate von Eichstätt und Augsburg. In diesen Bistümern wurde er später dann auch Scholasticus. Seine Priesterweihe erhielt er im Alter von 25 Jahren. Am 19.12.1722 wurde er zum Subdiakon, am 27.12.1722 zum Diakon und am 10.1.1723 zum Priester geweiht. In Eich­stätt, wo die Priesterweihe erfolgte, wurde er am 19.2.1726 auch noch zum Hofrat und Geistlichen Rat ernannt, am 29.7.1727 schließlich zum Kapitular. Sein Salzburger Kanonikat erhielt er im Jahre 1731. Am 23.9.1733 folgten Sitz und Stimme im Salzburger Domkapitel. Nachdem Erzbischof Liechtenstein im Jahre 1747 verstorben war, wurde Schrattenbach in der folgenden Sedisvakanz vom Domkapitel als Gubernator der Festung Werfen eingesetzt. 1746 oder 1747 wurde er ferner in Salzburg zum Verwalter der domkapitlischen Stiftungen ernannt. Nachdem Domdechant Leopold Anschario Graf von Starhemberg Ende 1750 sein Amt zurücklegte, nahm die Karriere des ehrgeizigen Schrattenbach seinen Fortgang. Er wurde auch noch Domdechant. Die Einsetzung in diese neue Würde erfolgte am 12.1.1751. Am nächsten Tag wurde er zusätzlich zum Geheimrat ernannt. Schon als Domherr hatte Siegmund Christoph sein Haus „zu ei­nem kleinen Bistum“ gemacht, er war der Hirt und seine Dienerschaft die Herde, über die er eine strenge Aufsicht führte. Fleiß, Organisationstalent, Geschäftstüchtigkeit, diploma­tische Gewandtheit, aber auch Sittenstrenge und Romtreue wurden Schrattenbach bereits zu dieser Zeit nachgesagt. Schon bald zog er aus seinem Kanonikalhof aus und übersiedelte in die Domdechantei, die heutige Kaigasse 12. Am 5.1.1753 war Erzbischof Dietrichstein gestorben. Am 12.3.1753 begann das Domkapitel mit der Wahl des Erzbischofs. Es sollte die schwierigste und hartnäckigste Wahl im Erzstift werden. Maria Theresia verhielt sich neutral. Sie ließ vernehmen: "Den würdigsten werden Wir jederzeit als den ange­nehmsten ansehen". Aber erst am 13.Wahltag, dem 5.4.1753, fiel die Entscheidung. Mit nur elf von zwanzig Stimmen gegen Josef Maria Graf Thun, Bischof von Gurk, fiel die kanonische Mehr­heit auf Schrattenbach. Wäre auch die 50. Abstimmung ergebnislos verlaufen, hätte die Besetzung des Erzstuhles der Papst selbst vorgenommen. Graf Schrattenbach dürfte mehr nach dem Wunsch der Salzburger Bevölkerung gewesen sein als Graf Thun, der regelrecht verhasst war. Schrattenbach selbst betrachtete seine Wahl denn auch vom Heiligen Geist herkommend, weshalb er sich den Domherrn gegenüber für die Stimmabgabe auch nicht verpflich­tet fühlte. Am 7.5.1753 hielt er feierlichen Einzug und nahm von der Residenz Besitz.

 

Erzbischof Schrattenbach, der eine gutmütige und leutselige Umgangsart besaß, war andererseits eine fast aske­tisch wirkende mönchische Erscheinung. Er wird allgemein als der frömmste aller Erzbischöfe dargestellt. Als ungemein re­ligiöser Mensch war ihm die Förderung des Glaubens und des­sen Reinheit wichtiger als die weltliche Regierung. Aus der Sicht der Aufklärer muss er altmodisch und sittenstreng gewirkt haben. Er war so “romtreu”, dass er am 18.4.1770 für seine “devoteste Ergebenheit” gegenüber dem Heiligen Stuhl mit einem päpstlichen Breve besonders belobigt wurde. Diese Verbundenheit mit Rom dürfte auch die Ursache dafür gewesen sein, dass Schrattenbach für sein Pallium nur 14.000 Scudi bezahlen musste, während man seinem Vorgänger Dietrich­stein noch 30.000 Scudi abverlangt und erst nach heftiger Kontroverse auf 20.000 Scudi ermäßigt hatte. Schrattenbach sah sich gerne als gütiger Landesvater und war bekannt für seine Freigiebigkeit. Sein väterliches Wesen zeigte sich in der Übernahme zahlreicher Patenschaften für Kinder von Beamten oder Hofschranzen. Dem stand allerdings ein anderer Charakterzug des Landesfürsten gegenüber: unbeugsamer Eigensinn und Hartnäckigkeit. Schrattenbach war im kultischen Bereich von ungemeiner Ausdauer und wollte priesterliches Vorbild sein. Er liebte das Prunkvoll- Festliche und Monumentale und hing weltlichen Dingen mit barocker Sinnesfreude nach. Bei allen Schwächen, die ihm Zeitgenossen vorwarfen, muss er doch ein gewisses Maß an diplomatischem Geschick, Bemühen um die Regierungsgeschäfte, Fleiß, Organisationstalent und Geschäftstüchtigkeit besessen haben. Seine Regierungszeit war eine ruhige Periode ohne gravierende außenpolitische Ereignisse. In den ersten drei bis vier Jahren kam es zu einer Häufung von Verordnungen, zum Beispiel einer Poenalverordnung, fleischliche Verbrechen betreffend, einer Almosenverordnung, einer Zucht‑ und Schulordnung, einer Tanzordnung, etc.. Um die baldige Besserung der Sitten zu bewirken, wurde 1754 ein eigenes Zuchthaus eingerichtet. Es war dem neuen Erzbischof auch wichtig, in den Kirchen der Erzdiözese große Stundengebete, die bis zu vierzig (!) Stunden dauerten, einzuführen. Seine Liebe zu den Kindern ließ ein Waisenhaus für Knaben und eines für Mädchen mit einer Dotation von 25.000 Gulden entstehen. Schrattenbach war Mäzen der Künste, besonders der Musik. Er liebte es, großzügige Geschenke zu machen und war ein beson­derer Gönner der Familie Mozart. Nepotismus aber gab es unter seiner Regierung nicht. Schrattenbachs Privatleben war makellos. Er war ein großer Hundefreund , sogar auf eine Lungauer Reise nahm er vier davon mit. Obwohl diesem Erzbischof der Weitblick eines Regenten gewiss fehlte, war er ein fleißiger Herrscher, der wie keiner vor ihm alle Akten las, Glossen anlegte und sich auch um die kleinsten Kleinigkeiten kümmerte.

Die Stadt Salzburg zählte unter Erzbischof Schrattenbach 735 Häuser, 2.845 Wohnparteien, 14.857 Erwachsene und 1.266 Kinder. An größeren baulichen Veränderungen ist zunächst der Bau des Neu- oder Siegmundstores anzuführen, womit sich Schrattenbach ein bleibendes Denkmal setzte. Die Riedenburg war damals ödes, sumpfiges Gebiet, wo nur der Hofziegelstadel, der Kameralholzgarten und das Isolierspital standen. Das Terrain war sonst nur als Weide genützt. Dem Bedürfnis der Stadterweiterung folgend, hatte bereits Erzbischof Max Gandolph, Graf von Kuenburg, den Plan gefasst gehabt, eine Verbindung durch den Mönchsberg zur Riedenburg zu schaffen. Damals ging man daran, den Berg von oben herab zu durchtrennen. Man kam damit aber nicht weit, wie die heute noch sichtbaren Spuren beweisen. Unter Schrattenbach wurde der alte Plan von 1676 wieder auf­gegriffen, der Landesfürst entschied sich jetzt aber für die Errichtung eines Tunnels anstelle einer Durchtrennung des Ber­ges. Am 14.5.1764 wurde unter der verantwortlichen Leitung des Ingenieur-Majors Elias von Geyer mit den Arbeiten be­gonnen. Man trieb von beiden Seiten 5,5 Meter breite und 7 Meter hohe Stollen aufeinander zu. Am 2.9.1765 gelang der Durchstich präzise. Nach Abzug des Erlöses für den Verkauf des Aushubmaterials beliefen sich die Kosten auf nur 5.565 Gulden 50 Kreuzer und lagen somit um 1.675 Gulden unter dem Kostenvoranschlag. Das Tor, das nach dem Willen Schrattenbachs „St.Siegmunds­Tor" heißen sollte, sich aber als „Neutor“ einbürgerte, wurde am 26.6.1766 feierlich eröffnet. Geyer erhielt als Dank und Anerkennung vom Landesfürsten eine mit 60 Dukaten gefüllte silberne und vergoldete Tabatiere. Nach mehreren Entwürfen von Geyer und den Brüdern Hagenauer für die anschließende Tor- bzw. Fassadengestaltung erhielten letztere, Geyer weit überlegen, den Zuschlag. Die Portale und die Umgestaltung des Tores nach den Plänen der Brüder Hagenauer verschlangen 26.155 Gulden. Die Errichtung des Vorwerkes außer dem Tor und die Schuttverbringung kosteten weitere 18.346 Gulden. Die Ge­samtanlage wurde 1774, also erst nach Schrattenbach, fertiggestellt. Die Krönung seiner sakralen Bautätigkeit ist sicher die von Johann Baptist Hagenauer geschaffene und am 29.5.1771 eingeweihte Marienstatue am Domplatz. Hohe Summen wurden für den Bau neuer Kirchen in Böckstein, Itter, St.Gilgen, Strobl und Großarl aufgewendet. Unter Abt Beda Seeauer erhielt die Stiftskirche zu St. Peter ihr heutiges Aussehen. Der Abt begann unmittelbar nach seiner Erwählung mit den ersten baulichen Maßnahmen. Die Erneuerung begann über der Dachfirsthöhe des Mittelschiffes. Auf den teilweise abgetragenen romanischen Turm wurde der barocke Turmkörper mit Barockhelm aufgebracht. Die Stiftskirche erhielt vor allem auch ihre heutige Innengestaltung. Der äußere Stiftshof bekam seine heutige Ge­stalt als geschlossenes Ganzes, die barocken Fassaden wurden geschaffen. Über Betreiben Schrattenbachs wurde bei St.Rochus in Maxglan ein Zucht‑ und Arbeitshaus, beim Schergentor in Mülln ein Knabenwaisenhaus und etwas weiter draußen eines für Mädchen errichtet. An neuen Seelsorgestationen wurden Annaberg, St.Koloman und Strobl eingerichtet. Nach dem Willen Schrattenbachs sollten in das Leben der Salzburger Zucht, Ordnung, Sittenstrenge und Religiosität einziehen. Schon im ersten Regierungsjahr war es sein be­sonderes Anliegen, in den Kirchen der Diözese große Stunden­gebete einzuführen. Neue Sittengesetze, wie zum Beispiel die „Erneuerte Poenal­Verordnung“, eine Zucht- und Schulordnung, eine Tanzordnung sowie Almosenordnungen zur Ausrottung der Bettelei ergingen.

Die Finanzlage im Erzstift war alles andere als rosig. Auf den angespannten Finanzhaushalt wirkte sich zudem der Siebenjährige Krieg aus, nachdem der Papst seine Zustimmung zu einer einmaligen Besteuerung des Klerus gegeben hatte. Der geforderten Pauschalsumme von 100.000 Gulden stellte der Landesfürst ein Gegenangebot von 15.000 Gulden gegenüber. Einer gewünschten Offenlegung der Staatsfinanzen kam man dabei allerdings nicht nach. Schließlich einigte man sich auf eine Dezimationspauschale von 18.000 Gulden an Maria Theresia. Daneben hatte Salzburg ein Truppenkontingent zur Verfügung zu stellen. Auf dem Kreistag zu Mühldorf 1757 belastete man das Erzstift mit 5 Kompanien zu je 156 Mann, die über Anordnung des Fürsten aber aus „Gaßlgehern, Wilderern, liederlichen Dienstboten, Raufern, unnützen Burschen und Vaganten“ aufgebracht und nach Bayern und weiter nach Nürn­berg entsandt wurden. Neuen Rekrutierungen 1758 zur Auffüllung leisteten einige hundert Bauernburschen Widerstand, der jedoch nach verhängter Schanzbuße bald gebrochen war. Als Folgewirkung der Protestantenaustreibung von 1732 kam es zur Einforderung rückständiger Emigrantenguthaben durch Preußen, die mit einer Pauschalsumme von 30.000 Gulden bereinigt wurde. Die Finanzlage des Erzstiftes war prekär geworden und verlangte nach Maßnahmen. 1757 legte der Landesfürst ein Steuerpaket zur Prüfung vor, das eine Häusersteuer, eine Weinakzise, die Besteuerung von Schnupf­- und Rauchtabak, von Schokolade, Kaffee, Tee, Zucker, Spielkarten und auch für das Tanzen vorsah. Eingeführt wurden eine Wein-  und Bierakzise und zeitweise eine Häuser- und Kopfsteuer. Die Finanzkrise konnte auch dadurch bis zum Ableben Schrattenbachs nicht bewältigt werden. Bedingt durch den Siebenjährigen Krieg traten auch in Salzburg negative Folgeerscheinungen auf: Durch den allzu starken Export kam es zu einer Knappheit an Fleisch, Schmalz und Käse sowie zu einem enormen Preisanstieg. Große Aufregung verursachte eine vom Jesuitenpater Parhamer gehaltene Volksmission. Ab 1754 war wegen der Erneuerung der Salzverträge mit Bayern zu verhandeln; ferner sollte Bayern zum Beitritt zum Konventionsfuß bewegt werden. Salzburg war nämlich am 1.12.1753 diesem neuen österreichischem 20-Gulden-Fuß beigetreten, während Bayern den 24-Gulden-Fuß anwandte. Damit besaß das bayrische Geld einen höheren Nennwert, was zum Geldabfluss dorthin führte. Schließlich musste auch Salzburg am 20.9.1755 wieder auf diesen 24-Gulden-Fuß zurückgehen. Langwierige Verhandlungen gab es auch wegen der Salzburger Rechte im Zillertal. Große Sorgfalt wandte Schrattenbach dem Bergwesen zu; es kam zu einem letzten Aufschwung des Salzburger Bergbaues. Das Verhältnis des Landesfürsten zum Domkapitel blieb durchgehend gespannt. Domdechant Ferdinand Christof Graf Zeil, der sich selbst als Regent fühlte, erhob gegen alle Maßnahmen Schrattenbachs Bedenken. Die letzten Regierungsmonate Schrattenbachs waren durch eine große Getreidekrise überschattet. Die schlechten Ernteergebnisse der Jahre 1770 und 1771, ausgelöst durch Trockenheit, dann zu viel Regen und Schneefall mitten im Sommer, führten zu Knappheit, Ausfuhrverbot und enormem Preisanstieg. Dem zuletzt wöchentlich ansteigenden Korn- und Brotpreis suchte man durch Einführung des „Schrannenbrotes“ abzuhelfen. 1756 gab es einen großen Mönchsbergfelssturz. Infolge eines Großbrandes wurden im Jahre 1757 in Oberndorf 101 Objekte zerstört. 1764 brannte Zell am See fast völlig nieder. 1768 gab es im Lungauer Lignitztal einen furchtbaren Felssturz. In Steindorf fielen 1770 einem Großbrand 29 Objekte zum Opfer.

 

Schrattenbach war der einzige Erzbischof, dem es beinahe vergönnt gewesen wäre, das fünfzigjährige- Priesterjubiläum zu feiern. Am 9.12.1771 traten aber große Gesundheitsbeschwerden auf, die letztlich am 16.12.1771 zum Tod führten. Laut Obduktionsprotokoll verstarb Schrattenbach an Nierenblutungen und einer Prostatahypertrophie. In der Blase fand man vier haselnussgroße und sechzehn kleine Steine. Schrattenbachs Herz wurde im Sacellum, seine Eingeweide in der Dreifaltigkeitskirche und sein Körper im Dom neben dem rechten Seitenaltar bestattet. Erzbischof Schrattenbach war, politisch betrachtet, sicherlich kein großer Fürst, aber ein echter Vertreter der Rokokozeit, kleinlich, spielerisch und mit lockerer Hand in der Wirt­schaft, zugleich aber liebenswürdig, ein Förderer der Kün­ste, ein Menschenfreund mit einem weichen Herz. Der Staat war bei seinem Ableben höchst verschul­det. Dafür kamen in den erzbischöflichen Gemächern 203.820 Gulden zum Vorschein, ferner Silber- und Goldmünzen und Goldschrötlinge um 23.000 Gulden. Ein schweres Erbe wartete auf Schrattenbachs Nachfolger. Auch seine Prophezeiung sollte sich bewahrheiten: Nach ihm sollte nur mehr ein souveräner geistlicher Fürst folgen.

<-- Back
<-- zurück zur Hauptseite